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  • D. Tschurtschenthaler

Der Mythos des dominanten Hundes

Wurde Dir schon mal gesagt, dass Dein Hund dominant sei? Oder hast Du manchmal selbst Zweifel? Hast Du ihn vielleicht sogar deshalb kastrieren lassen?

Ich kann Dich beruhigen, Dein Hund ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht dominant - zumindest nicht dauerhaft.

Ich möchte hier mit dem Mythos des dominanten Hundes aufräumen und Dir erklären, was Dominanz bei Hunden eigentlich ist und wie sie sich äußert.




Wie agiert ein dominanter Hund im Hunderudel?


Dominanzverhalten ist keine Eigenschaft eines Hundes, sondern steht immer in einer Beziehung zu einem anderen Hund. Das heißt es braucht dazu einen dominierenden und einen dominierten Part. Und da es sich um eine sogenannte "Dominanzbeziehung" handelt setzt es voraus, dass der dominierte Hund diese Dominanzbeziehung auch möglich macht, indem er die Dominanz des dominierenden Hundes anerkennt. Vereinfacht gesagt kann der dominante Hund nur dominant sein, wenn es der dominierte Hund auch zulässt.


Ein dominanter Hund ist selten aggressiv, denn er kann ohne jegliche Aggression seine Interessen durchsetzen.

Eine Dominanzbeziehung setzt eine gewisse gemeinsame Geschichte und gemeinsame Erlebnisse voraus. Ein dominanter Hund ist auch daran festzumachen, dass er ohne große Auseinandersetzungen oder Raufereien an sein Ziel kommt. Er zettelt kaum Streit an, gewinnt aber nahezu jeden Konflikt, in den er durch andere Hunde verwickelt wird. Ein dominanter Hund ist selten aggressiv, denn er kann ohne jegliche Aggression seine Interessen durchsetzen.

In Wolfs- und Hunderudeln kann es unterschiedliche Dominanzsysteme, auch formale Dominanz genannt, geben. Aus den Dominanzbeziehungen innerhalb eines Rudels resultiert die Rangordnung. Es gibt klassisch lineare Rangordnungen, wie sie den meisten bekannt sind. Also Leika dominiert über Ares, Ares wiederum dominiert über Bello, Bello dominiert über Suki usw. Es gibt Dominanzsysteme, in denen ein Hund über alle anderen dominiert, solche in denen es ein paar Dominierende gibt, die über den Rest der Gruppe dominieren und noch viele andere komplizierte Systeme mehr.

Festzuhalten ist, dass ein dominierender Hund selten aggressiv agieren muss, um seine Ziele zu erreichen. Ein unausgeglichener Stänkerer würde es in einem Rudel schwer in eine dominierende Position schaffen.



Wird Dein Hund dominant, wenn Du ihn fütterst, bevor Du isst?


Der Mythos, den Hund keinesfalls zu füttern bevor man selbst gegessen hat, ist immer noch weit verbreitet. Diese Annahme ist genau so falsch, wie sie auch unlogisch ist, denn bei Hunden funktioniert die gesamte Jagdstruktur auf Kooperation.

Die Struktur, bei der alle anderen erst fressen dürfen, wenn der Ranghöchste damit fertig ist, gibt es bei Affen - aber nicht bei den Wölfen und Hundeartigen. Bei Wolfs- und Hunderudeln ist es unbedingt nötig, dass möglichst alle Mitglieder gut genährt und somit jagdlich tauglich sind - denn nur so kann das Rudel überleben. Es frisst also nicht unbedingt immer der Ranghöchste zuerst, sondern meistens die, mit dem größten Hunger. Dies bewiesen mehrere Studien an Haushunden, Wölfen und auch verwilderten Haushunden.

Deshalb kannst Du ganz beruhigt Deinen Hund füttern wann immer du willst. ;-)



Die situative Dominanz


In gewissen Situationen zeigen Hunde dominante oder devote Verhaltensweisen. Das bedeutet, dass sich sowohl Wölfe als auch Hunde situativ dominant verhalten. Dir ist das bestimmt schon bei Deinem Hund aufgefallen, dass er sich in manchen Situationen anderen Hunden gegenüber dominant verhält und in anderen unterwürfig. In einem Hunde- oder Wolfsrudel ist dies gut zu beobachten und kann in der Rangordnung völlig variieren. Das heißt situative Dominanz kann sowohl von einem ranghöheren gegenüber des rangniedrigeren Tier, aber genauso umgekehrt auftreten. Beispielhaft hierfür sind Abbruchsignale, wie knurren, Nase rümpfen, fixieren, aber auch Scheinattacken etc., die situativ dominanten Verhaltensweisen zuzuordnen sind.

Zeigt ein Hund einem anderen Hund gegenüber so ein Verhalten, bedeutet dies nicht, dass danach "dicke Luft" herrscht - im Gegenteil. In den allermeisten Fällen erkennt der in diesem Moment dominierte Hund das Abbruchsignal des anderen an und es wird ganz normal weitergespielt bzw. weitergemacht.

Kommt in ein Wolfs- oder Hunderudel ein neues Mitglied, oder stirbt ein Rudelmitglied, kommt die formale Dominanzstruktur durcheinander und es dauert eine Weile, bis sich eine neue Struktur gebildet hat. In der Zwischenzeit agiert das Rudel vorwiegend durch situative Dominanz.


Ähnlich verhält es sich, wenn ein neuer Hund in die Familie einzieht. Der Hund kennt noch nicht die Struktur der Familie und kann somit nicht von vornherein wissen, wie er sich verhalten soll. Deshalb liegt es an Dir dem neuen Familienmitglied durch Struktur, Regeln und Konsequenz Orientierung und Klarheit zu bieten.



Deine Verpflichtungen dem Hund gegenüber


Möchtest Du, dass sich Dein Hund an Dir orientiert, dass er Dich Entscheidungen fällen lässt, dass er Dir vertraut und Dir die Verantwortung der "Führungsposition" zutraut, dann musst Du dieser auch verlässlich und souverän nachkommen.

Dein Hund verzichtet durch Eure Dominanzbeziehung und -struktur, in der Du den Ton angibst, auf viele Privilegien. Dies ist, wie schon oben beschrieben, auch in einem Hunderudel normal. Allerdings leistet dort dafür das Rudel einiges, was diesen Verzicht wieder wett macht. Und hier kommst Du ins Spiel, denn in eurer Struktur solltest Du einiges anbieten und leisten, damit die Struktur akzeptiert wird und funktionieren kann. Möchtest Du, dass sich Dein Hund an Dir orientiert, dass er Dich Entscheidungen fällen lässt, dass er Dir vertraut und Dir die Verantwortung der "Führungsposition" zutraut, dann musst Du dieser auch verlässlich und souverän nachkommen. Für einen Hund kann eine für Dich unwesentlich wirkende Entscheidung, lebenswichtig erscheinen.

Der Hund muss dir vertrauen können, er muss sich bei Dir sicher fühlen können, er soll Dich als souveränes Vorbild sehen, denn nur dann wird es ihm möglich sein, eure "Familienstruktur" zu akzeptieren. Hunde von Hundehaltern, die ihrer Führungsrolle nicht gerecht werden, zeigen wesentlich häufiger Stresssymptome die durch einen erhöhten Cortisol-Wert untermauert werden können. Das bedeutet, dass Dein Hund ein deutlich stressfreieres Leben führen kann, wenn Du ihm durch klare Regeln und liebevolle Konsequenz Orientierung, Struktur und Sicherheit bietest.



Kurz zusammengefasst:


Biete Deinem Hund die souveräne, vertrauenswürdige Führung, die er verdient hat.

Sehr wenige Hunde streben eine formale, dauerhafte Dominanz gegenüber ihren Manschen an, wenn ihnen ihr Mensch eine souveräne, verlässliche Führung und Orientierung bietet.

Zeigt ein Hund eine situative Dominanzgeste dem Halter oder einem anderen Hund gegenüber, bedeutet das nicht, dass er die dauerhafte Führung übernehmen möchte. Agierst Du als Mensch situativ dominant, etwa durch ein Abbruchsignal, hat das keine negativen Auswirkungen auf Eure Beziehung, solange Du Dich danach versöhnlich zeigst (z.B. indem Du den vom Hund akzeptierten Abbruch bei Ausführung positiv bestärkst).

Wendest Du brutale Methoden, wie etwa den Alpha-Wurf u.ä. bei Deinem Hund an, sieht er Dich nicht als souveräne Führungsperson - ganz im Gegenteil. Solche Gewaltaktionen schwächen sein Vertrauen in Dich, es stellt für ihn die Verlässlichkeit der Struktur und Dir in Frage und deshalb wird er versuchen Entscheidungen selbst zu treffen, seinen Status im Rudel selbst auszutesten. Gerade in der Pubertät eines Hundes können sich solche Aktionen fatal auf eure weitere Beziehung auswirken.

Biete Deinem Hund die souveräne, vertrauenswürdige Führung, die er verdient hat. Dadurch ersparst Du ihm sehr viel Stress und Dir selbst viel Ärger.



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